Sielmingen
Gottesdienst am 01.08.2010
Das Ziel ist der Sieg – Predigt über Philipper 3,7-14
Olympia vor 86 Jahren, 1924 in Paris. Die besten Sportler der Welt messen sich miteinander. Einer der Höhepunkte damals wie heute ist der 100-Meter-Lauf. Wer darf sich schnellster Mann der Welt nennen? Der große Favorit heißt Eric Lidell, genannt »der fliegende Schotte«. Im Jahr vor der Olympiade hat er kein Rennen verloren. Die englische Mannschaft rechnet mit einer sicheren Goldmedaille. Doch was dann passiert, damit hat keiner gerechnet. Die Vorläufe für das 100-Meter-Rennen sind für einen Sonntag geplant – und Eric Lidell weigert sich zu starten. »An diesem Tag laufe ich kein Rennen«, sagt er ruhig und bestimmt. »Der Sonntag ist für den Gottesdienst da und nicht für den Sport.« Die Öffentlichkeit schüttelt den Kopf. Was ist das für ein komischer Kauz? Der englische Thronfolger, der Prince of Wales, lässt Eric Lidell zu sich rufen. »Sie haben eine Pflicht gegenüber ihrem Land«, sagt er streng. »Wie können Sie es wagen, einen sicheren Sieg wegzuwerfen?« Eric Lidell antwortet: »Wenn Sie mich zwingen, zwischen dem Sport und meinem Glauben zu wählen, dann entscheide ich mich für meinen Glauben.« Eric Lidell startet nicht. Ein anderer Läufer gewinnt an seiner Stelle die Goldmedaille.
Ein mutiger Mann und eine beeindruckende Geschichte. Ein Sportler, dem das Siegen nicht über alles geht. Einer, der weiß, dass eine Goldmedaille nicht das Wertvollste und Wichtigste ist. Mich erinnert dieser Eric Lidell an den Apostel Paulus. Im Philipperbrief gibt es einen Abschnitt, wo Paulus auf sein Leben zurückblickt. Wie beim Sport spricht der Apostel vom Gewinnen und Verlieren und von einem Ziel, das mehr wert ist als alles andere. Wir hören aus Philipper 3, was Paulus an seine Gemeinde schreibt:
Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten. Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.
Paulus schaut zurück auf seine Vergangenheit. »Was mir Gewinn war« – als junger Mann hatte er eine große Zukunft vor sich. Er kannte sich aus im jüdischen Glauben, er hatte das Gesetz des Mose studiert, er hielt sich an die Gebote und Vorschriften. Die Schriftgelehrten und Pharisäer in Jerusalem vertrauten ihm, er war ein Mann für besondere Aufgaben. Und so bekam Paulus den Auftrag, der Gemeinde der Christen das Leben schwer zu machen. Er verfolgte alle, die sich zu dem neuen Glauben bekannten. Doch dann wurde aus dem Verfolger ein Nachfolger. Der auferstandene Christus erschien Paulus vor den Toren von Damaskus. Und Paulus erkannte: Ich bin auf einem völlig falschen Weg! Ich will etwas für Gott tun, ich möchte für mich das Heil gewinnen. Doch in Wahrheit habe ich die Gemeinschaft mit Gott verloren, ich bin ihm kein Stück näher gekommen. Das war für Paulus die Wende seines Lebens. Er hat sich für Jesus Christus entschieden. Und genauso konsequent, wie er vorher die Christen verfolgte, so verkündigt Paulus jetzt als Apostel das Evangelium. Er hat kapiert: Wir Menschen können uns die Gerechtigkeit vor Gott nicht aus eigener Kraft erarbeiten. Wir brauchen die Gnade und die Vergebung, die Jesus Christus schenkt. Das führt bei Paulus zu einer völligen Umkehrung seiner Werte. Im Rückblick auf sein Leben gebraucht er drastische Worte: »Ich erachte es für Dreck«.
Haben Sie das auch schon einmal erlebt? Dass man von etwas völlig überzeugt war und dann entdeckten muss, dass man sich getäuscht hat? Da kauft einer Aktien, die nach zwei Jahren nur noch die Hälfte wert sind. Da freut sich jemand über eine Freundschaft und stellt irgendwann fest, dass er nur ausgenutzt wird. Das gibt normalerweise lange Gesichter und schlechte Stimmung. Doch merkwürdig: Paulus ist nicht enttäuscht über seinen Verlust. Er trauert seinem früheren Leben keine Sekunde lang nach. Im Gegenteil: Er freut sich überschwänglich. Denn was er verloren hat, wird um ein Vielfaches aufgewogen durch seinen Gewinn. Die Gerechtigkeit, die der Glaube an Jesus Christus schenkt, macht sein Leben neu und wertvoll.
Und für dieses neue Leben im Glauben findet Paulus einen interessantes Bild. Er vergleicht es mit einem Wettkampf im Stadion. Er sagt: »Ich jage nach dem vorgestreckten Ziel«. Die Menschen damals waren mindestens so sportbegeistert wie wir heute – schließlich haben die alten Griechen die Olympiade erfunden. Ganz oben in der Beliebtheit stand der 400-Meter-Lauf. Wer hier gewinnen konnte, war ein gemachter Mann. Der Sieger wurde mit Geschenken überhäuft, er brauchte keine Steuern mehr zu bezahlen, und seine Heimatstadt spendierte ihm lebenslang ein Mittagessen. Der zweite Platz dagegen war nichts wert. Nur der Sieg zählte. Und auf den besten Plätzen an der Zielgerade saß die High Society und wettete hohe Summen auf ihre Favoriten. Von einer Minute zur anderen gingen ganze Vermögen verloren. Doch wenn einer der reichen Kaufleute sein Geld in Gefahr sah, dann griff er schon mal in die Trickkiste. So konnte es passieren, dass dem führenden Läufer plötzlich ein Goldklumpen vor die Füße geworfen wurde. Und in Sekundenbruchteilen musste sich der Sportler entscheiden: Bleibe ich stehen? Bücke ich mich und hebe das Gold auf? Oder laufe ich weiter, um zu gewinnen? Behalte ich das Ziel im Auge oder lasse ich mich von anderen Dingen ablenken? Manch einer blieb stehen und wurde dann von den Nachfolgenden überholt. Andere liefen weiter: Der Sieg war ihnen mehr wert. Vielleicht hat Paulus einmal so einen spannenden Augenblick miterleben können. Auf jeden Fall wusste der Apostel, wie gefährlich es ist, sich ablenken zu lassen. Er nimmt sich vor: »Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,«
Wie sieht das in unserem Leben aus? Sind wir auf ein Ziel ausgerichtet? Oder schauen wir immer wieder zurück, bücken wir uns nach diesem und jedem, was uns vor die Füße rollt? Paulus macht sich nichts vor. Er gibt zu, dass bei ihm manches besser laufen könnte. »Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe« sagt er. Er will sich nicht auf dem Erreichten ausruhen. Wer stehen bleibt, kann den Lauf nicht vollenden. »Ich möchte Christus erkennen und die Kraft seiner Auferstehung« nimmt Paulus sich vor. Wie sehen unsere Ziele im Glauben aus? Sind wir zufrieden, wenn wir ab und zu in den Gottesdienst gehen? Reicht es uns, jedes Jahr das Losungsbüchlein oder einen Kalender zu kaufen? Paulus wollte mehr, er war bereit, alles zu geben. Und das soll auch unser Motto sein: Mehr von Christus entdecken. Mehr von Gottes Liebe erfüllt sein. Im Gebet mit ihm reden, in seinem Wort lesen, die Gemeinschaft mit anderen Christen suchen. Wir haben es noch nicht geschafft, auch wir sind noch nicht vollkommen. Aber wie Paulus dürfen wir neu anfangen.
Doch halt! Das alles hört sich verdächtig nach Leistung an! Müssen wir jetzt doch etwas tun für unseren Glauben? War das nicht die große Erkenntnis des Paulus: GGG – Glaube ist Geschenk und Gnade? Paulus weiß, dass Christ sein Anstrengung bedeutet. Aber genauso sicher ist, dass wir es nicht aus eigener Kraft schaffen können. Paulus sagt: »Ich jage dem Ziel nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.« Wir strecken die Hand nach vorne, um das Ziel zu erreichen – doch viel wichtiger ist, dass Christus uns in seiner Hand hält. Wie gut, dass wir uns daran festhalten können. Wie gut, dass wir auch dort, wo wir stolpern und hinfallen, nicht aus dem Rennen genommen werden. Denn es geht ja nicht darum, der Schnellste oder der Beste zu sein. Sondern im Glauben gilt: Dabei sein ist alles. Jeder, der sich auf den Weg macht; jeder, der das Ziel erreicht, gehört zu den Siegern. Paulus sagt: »Der Preis ist die himmlische Berufung Gottes in Christus Jesus.«
Himmlische Berufung – was bedeutet das? 1954 lud die DDR-Regierung zum ersten Mal einige Kirchenführer zu einem Empfang ein. Walter Ulbricht gab sich locker und fragte: »Sagen Sie mal, Ihr Christen – was seid ihr denn für Leute?« Der Theologieprofessor Heinrich Gießen antwortete: »Herr Staatsratvorsitzender, wir Christen sind Leute, die gerne in den Himmel kommen wollen!« Das war eine ganz einfache Antwort. Natürlich könnte man noch vieles ergänzen: Wir Christen wollen anderen Gutes tun. Wir wollen die Schöpfung bewahren. Wir wollen helfen, Probleme in der Gesellschaft zu lösen. Es gibt viele Aufgaben in dieser Welt – doch das ist das wichtigste Ziel: dass ich einmal im Himmel dabei bin. Dass mein Leben nach dem Tod weitergeht in der Gemeinschaft mit Gott. Hoffentlich ist dann niemand auf der Strecke geblieben. Hoffentlich erreichen wir alle dieses Ziel. Deshalb ist es so wichtig, dass wir hier und heute die richtigen Entscheidungen treffen. Dass wir uns nicht in den vielen Angeboten verlieren, sondern auf Sieg setzen. Dass wir uns nicht abbringen lassen, von dem Weg, der ans Ziel führt.
Am Anfang habe ich Ihnen von Eric Lidell erzählt. Ein Sportler, für den die Goldmedaille nicht das Wichtigste war. Ein Christ, der ein Zeugnis sein wollte für seinen Glauben. Der Prince of Wales war von Eric Lidell so beeindruckt, dass er ihm ermöglichte, einige Tage später im 400-Meter-Rennen zu starten. Ohne Training, ohne Vorbereitung – die Experten gaben Eric Lidell keine Chance. Doch der fliegende Schotte erreichte als erster das Ziel und bekam doch noch eine Goldmedaille. Doch wie viel mehr als über diesen Preis wird er sich über seinen Platz im Himmel freuen. Und auch wir, die wir nicht bei einer Olympiade starten, können dieses Ziel erreichen. Dabei sein ist alles!
geschrieben von Tobias Geiger am 01.08.2010 um 17:30 Uhr.
06.02.12
Wie mein Leben reich wird - meinen Besitz und meine Begabungen entfalten [mehr]