Sielmingen
Gottesdienst am 29.08.2010
Alles Liebe oder was? Predigt über 1. Johannes 4,7-12
Der Predigttext steht im 4. Kapitel des 1. Johannesbriefs:
Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Vergebung für unsere Sünden.
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.
»Ihr Lieben« - mit dieser Anrede beginnt der Predigttext. Ob sie wirklich lieb waren, die Christen in Kleinasien, an die der Johannesbrief geschrieben wurde? Die Anrede »Ihr Lieben« ist jedenfalls über die Jahrhunderte hinweg erhalten geblieben. Bis heute werden die Besucher im Gottesdienst als »liebe Gemeinde« angesprochen. Doch das kann auch falsch verstanden werden. In einem kleinen Dorf erzählte eine ältere Dame ihrer Freundin: »Gestern war der Gottesdienst sehr schlecht besucht. Jedes Mal, wenn der Pfarrer »Liebe Gemeinde« sagte, bin ich rot geworden, weil ich dachte, er meint mich …«
Eins ist klar: Die Anrede »Liebe Gemeinde« hat nichts mit den Gefühlen des Pfarrers zu tun. Ich bin kein Friedrich Schiller, der im Überschwang ausruft: »Seid umschlungen, Millionen / diesen Kuss der ganzen Welt«. Und Sie werden auch nicht deshalb als »liebe Gemeinde« angesprochen, weil Sie besonders nett und freundlich sind. Sondern wir dürfen uns »liebe Gemeinde« nennen, weil Gott uns so anredet. Wir sind von Gott geliebt – daran will diese besondere Anrede erinnern. Und das ist auch das Thema der Predigt: Die Liebe Gottes zu uns Menschen und ihre Auswirkungen. Drei Gedanken möchte ich aus dem Text herausgreifen:
1. Gottes Liebesgeschichte mit uns
2. Wer Gott kennt, liebt seinen Nächsten
3. Wir sollen lieben - aber wir sind nicht die Liebe
1. Gottes Liebesgeschichte mit uns
Vor ein paar Jahren erschien in einer Zeitschrift eine bemerkenswerte Anzeige. Abgebildet war Michelangelos Darstellung von der Erschaffung des Adam, jenes berühmte Gemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Zu sehen ist Gott der Schöpfer, wie er dem Menschen durch eine Berührung mit dem Finger das Leben schenkt. Darunter stand der Satz: »Kennen Sie Gottes Liebesgeschichte?«
Gottes Liebesgeschichte mit der Menschheit: Jeder von uns ist Adam, jede von uns ist Eva. Und jedes neue Leben, jede Geburt eines Kindes, jede Taufe ist ein Zeichen dafür, dass die Liebesgeschichte Gottes noch nicht zu Ende ist: Die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel, die Geschichte Gottes mit uns Christen, die Geschichte Gottes mit mir. Eine Liebesgeschichte mit Leidenschaft und Glück, aber auch mit Enttäuschungen und Konflikten. Vielleicht überrascht es uns, dass zu einer Liebesgeschichte auch Auseinandersetzungen und Missverständnisse dazugehören können. Wir denken beim Stichwort Liebe oftmals nur an Romantik. Wenn eine von Europas Prinzessinnen heiratet, dann sitzen Millionen vor dem Fernseher und lassen sich verzaubern. Doch die rosaroten Träume zerplatzen, wenn es schwierig und konfliktreich wird. Dann kann es passieren, dass ein Partner den anderen verlässt: »Wir zwei passen doch nicht zusammen« – so oder ähnlich heißt dann die Erklärung. Doch eine echte Liebesgeschichte hört nicht so schnell auf. Wahre Liebe lässt sich nicht beirren, auch wenn es am Gegenüber manches auszusetzen gibt. Liebe nimmt Konflikte auf sich, sie wendet sich nicht ab, wenn sie etwas Hässliches entdeckt. So kann eine Liebesgeschichte zur Leidensgeschichte werden. Dann nämlich, wenn ein Partner den Widerspruch des anderen zu überwinden hat. Zu einer solchen Leidensgeschichte wird die Liebesgeschichte Gottes. Der Predigttext sagt uns: »Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen Sohn gesandt hat in die Welt [....] zur Versöhnung für unsre Sünden.« Die Sünde, das ist unser Widerspruch gegen Gott. Sünde ist unser Nein, Sünde ist unser Versuch, ohne Gott zu leben und das eigene Ich zum Maß aller Dinge zu machen. Wir drehen uns um uns selbst und mauern uns ein in unserem Egoismus. Doch anders als wir Menschen bleibt Gott nicht bei sich selbst. Er sendet seinen Sohn Jesus Christus in unsere Welt, er will uns herausholen aus unserer Ich-Verschlossenheit. In Jesus Christus wird die Liebe Gottes sichtbar und gewinnt Gestalt. Sein Leben und Sterben ist das Drehbuch für Gottes unendliche Liebengeschichte zu uns Menschen.
2. Wer Gott kennt, liebt seinen Nächsten
Aber nun möchte Gott seine Liebesgeschichte nicht ohne uns schreiben. Wir sind keine Schachfiguren, die man hin- und herschiebt. Sondern die Liebe will uns aktivieren. Wir werden beauftragt, in unserem Leben Gottes Liebe nachzubilden. Der Predigttext sagt: »Hat Gott uns so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.« Vielleicht hätten wir eine andere Aufforderung erwartet. Muss es nicht heißen: »Gott hat uns geliebt, darum lasst uns ihn zurücklieben?« Sicher ist es ganz und gar nicht falsch, Gott zu lieben. Jesus sagt uns – als Konfirmanden haben wir es auswendig gelernt: »Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deinem Verstand. Das ist das größte und wichtigste Gebot.« Doch dann fährt Jesus fort: »Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wir dich selbst.« Wir können Gott nicht an unseren Mitmenschen vorbeilieben. Gottesliebe ohne Nächstenliebe ist ein Irrtum.
In der Luther-Übersetzung steht über diesem Abschnitt die Überschrift: »Die Liebe Gottes und die Liebe zum Bruder«. Mir fiel dazu ein dreijähriges Mädchen in unserer früheren Nachbarschaft ein, das ein Brüderchen bekommen hatte. Jetzt hatten Papa und Mama nicht mehr nur für sie Zeit – das war eine große Umstellung. Die Eltern bemühten sich, ihrer Tochter das Einleben in die neuen Verhältnisse zu erleichtern. Und es schien auch ganz gut zu klappen, bis eines Tages die Kleine kam und sagte: »Du, Mama, lass uns das Baby doch einfach wieder zurückgeben.«
Sie sehen, es ist gar nicht so einfach, den Bruder oder die Schwester zu lieben. Manchmal ist es leichter, Gott, den man nicht sieht, zu lieben – und dabei die Menschen in unserer Nähe zu übersehen. Es ist leichter, Gott zu loben, dessen Liebe ich spüre – und über die Schwester und den Bruder zu schimpfen. Doch der 1. Johannesbrief sagt uns in aller Härte: »Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht.« Da kann eine christliche Gemeinde noch so oft das Glaubensbekenntnis sprechen – wo die Liebe fehlt, bleibt Gott außen vor. Denn Gott möchte, dass wir an seiner Liebesgeschichte mitschreiben. Er traut uns zu und mutet uns zu, dass wir einander liebhaben.
Da ist das Ehepaar, dem der Alltag kaum Zeit füreinander lässt. Doch trotz mancher Auseinandersetzung finden sie immer wieder Gelegenheit, einander ihre Liebe zu zeigen.
Da sind die Eltern, die nicht verstehen können, warum ihr Sohn seinen Beruf aufgegeben hat. Doch in Liebe halten sie zu ihm und suchen gemeinsam nach einer Lösung.
Da ist der achtzigjährige Witwer, dem es niemand recht machen kann. Doch die Frau von der Nachbarschaftshilfe begegnet ihm mit Achtung und Liebe und behandelt ihn nicht nur als Pflegefall.
Da ist der Schüler, der sitzengeblieben ist. Er hat Angst vor der neuen Klasse. Wird man ihn auslachen oder freundlich aufnehmen?
»Lasst uns einander liebhaben« - so fordert uns der Predigttext auf. Wir brauchen diese Ermutigung zur Liebe. Und auch die Gesellschaft, in der wir leben, hat es nötig, an die Liebe erinnert zu werden. In die politische Sprache übersetzt heißt Liebe Solidarität. Nicht jeder für sich und allein gegen alle, sondern ein Miteinander, in dem die Stärkeren die Schwächeren mittragen. Nicht Leistung ist das Maß aller Dinge, sondern die Liebe. Wir Christen sollen Sorge dafür tragen, dass Liebe und Solidarität weiterhin die Grundpfeiler unserer Gesellschaft bleiben.
3. Wir sollen lieben – aber wir sind nicht die Liebe
»Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben.« Muss man da nicht widersprechen? Einander liebhaben, ohne jede Ausnahme, immer und überall – das geht doch gar nicht! »Alle Menschen werden Brüder« – das klappt vielleicht bei Beethoven in »Freude, schöner Götterfunke«. Aber im Alltag sieht es anders aus. Da wird die Aufforderung zur Liebe schnell zur Überforderung. Bleibt also von dieser Predigt nur der moralische Zeigefinger und ein schlechtes Gewissen übrig?
Wir dürfen die Aufforderung zur Liebe nicht aus dem Zusammenhang zu reißen. Der Satz vom Einander-Liebhaben geht nämlich noch weiter: »Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott.« Gottes Liebe geht unserer menschlichen Liebe immer schon voraus. Wir haben an der Liebe Anteil, aber wir brauchen die Liebe nicht selbst zu machen. Wir müssen weder uns selbst noch unsere Mitmenschen durch unsere Liebe erlösen. Das hat ein anderer getan. Jesus Christus nimmt uns mit hinein in die Liebesgeschichte Gottes. Von Gott kann gesagt werden: Er ist die Liebe. Doch wir sind von Gott verschieden. Unser natürliches Wesen ist nicht die Liebe, sondern die Sünde. Und deshalb brauchen wir die Erinnerung an Gottes Liebe. Diese Erinnerung tröstet und vergewissert uns. Sie macht uns Mut, das Stück Liebe zu leben, zu dem Gott uns bereit und fähig macht. Und selbst wo unsere Liebe an ihre Grenzen kommt, wo wir schuldig werden und versagen, das ist Gottes Liebe noch da. Gottes innerstes Wesen ist die Liebe, und nicht anders als in Liebe will er uns begegnen. Von Gottes Liebe dürfen wir uns immer wieder erneuern lassen, hier können wir unseren Egoismus und unsere Selbstliebe ablegen. Und wo wir seine Liebe einander weitergeben, da spüren wir, dass Gott in unserem Leben da ist. Das wollen wir tun, wenn wir nachher das Abendmahl miteinander feiern. Brot und Wein erinnern uns an Jesus, der sein Leben aus Liebe gegeben hat. Durch seine Versöhnung sind wir Gottes geliebte Kinder. Amen.
geschrieben von Tobias Geiger am 29.08.2010 um 16:30 Uhr.
06.02.12
Wie mein Leben reich wird - meinen Besitz und meine Begabungen entfalten [mehr]