Aktuelles

Sielmingen

Predigt zum Nachlesen

Gottesdienst am 01.01.2012

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig –
Predigt zur Jahreslosung 2. Korinther 12,9


Predigt als PDF-Dokument zum Ausdrucken

Es gibt ihn in jeder Klasse. Den Schwächling, der auf dem Schulhof in der Ecke steht. Den schüchternen Jungen, der zu keiner Party eingeladen wird. Den Versager, der schwach in Sport ist. In meinem Abitursjahrgang hieß er Willi. Er hatte Pickel im Gesicht und stotterte, wenn er etwas sagen wollte. Er wurde rot, wenn ihn ein Mädchen ansprach. In der Turnhalle bekam Willi den Ball ins Gesicht und hatte Nasenbluten. Auf der Aschenbahn stürzte er und schürfte sich die Knie auf. Vom Schullandheim kam er mit einem Gipsbein zurück. Dass Willi bei den Klassenarbeiten zu den Besten gehörte, interessierte niemand. Wer so schwach drauf ist, wer unter Gleichaltrigen nicht stark auftrumpfen kann, der wird nicht beachtet, der hat scheinbar keinen Wert. Und dann kam das Treffen zum 20jährigen Abi-Jubiläum. Jeder sollte kurz berichten, was aus ihm geworden ist. Als Willi aufstand, stotterte er noch immer wie damals als Schüler. Aber was er sagte, ließ alle aufhorchen. »Ich habe Chemie studiert und zweimal promoviert. Jetzt bin ich Professor am Institut für chemische Technologie.« Zwei Doktortitel und ein Lehrstuhl – wir ehemaligen Klassenkameraden staunten nicht schlecht. Der frühere Schwächling hatte mächtig aufgeholt und seine Stärken eindrucksvoll gezeigt.

»Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«. Ich bin sicher, jeder von uns hat in seinem Bekanntenkreis einen wie Willi. Einen, dessen Schwächen unübersehbar sind. Einen, der ausgelacht und verspottet wird. Einen, der jedoch irgendwann seine Stärken entdeckt. Einen, den plötzlich alle mit anderen Augen sehen. Es ist gut, dass es solche Geschichten gibt. Es ist wichtig, dass Menschen ihre Gaben und Begabungen entfalten können. Und ich wünsche mir, dass unsere Jugendarbeit und unsere Kirchengemeinde ein Ort sind, wo genau das geschieht. Wo die Schwachen spüren: »Hier bin ich angenommen ohne Wenn und Aber. Hier traut man mir etwas zu. Hier freut man sich, wenn meine Stärken zur Geltung kommen.« Und ist nicht die Bibel ein Buch, das genau solche Geschichten erzählt? Der Hirtenjunge David gegen den Kriegsmann Goliath. Daniel und seine drei Freunde, die dem mächtigen König von Babylon die Stirn bieten. Maria, das Mädchen vom Lande, das sich Gott für eine große Aufgabe zur Verfügung stellt. »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« – bei Gott sind die im Blick, denen ihre Mit¬menschen wenig zutrauen. Gott ermutigt solche, die aus eigener Kraft nicht viel können. Gott hat ein Herz für alle, die mit kleinen Gaben große Aufgaben anpacken. »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« – damit ist die Predigt zu Ende und wir holen uns ein Glas Sekt. Aber können wir dazu wirklich »Amen« sagen? Ist das Gottes Versprechen: Die Schwachen sollen ihre Stärken entdecken und mächtig Erfolg haben? Alles wird gut, wenn wir nur auf Gott vertrauen? Hat die Jahreslosung eine Garantie für ein Happy-End wie bei meinem Mitschüler Willi?

Vorhin in der Schriftlesung haben wir den biblischen Zusammenhang gehört, in dem unser Vers steht. In Korinth gab es einen Konflikt zwischen Paulus und der Gemeinde. Missionare waren in die Stadt gekommen und beeindruckten mit ihrem Auftreten. Sie erzählten von Wundern und Offenbarungen, sie predigten kraftvoll und nahmen den Heiligen Geist für sich in Anspruch. Die Christen in Korinth fanden, dass diese Missionare mehr zu bieten hatten als Paulus. »Wisst ihr noch,« sagten sie zueinander, »wisst ihr noch, wie er vor uns stand? Schwach und unscheinbar, stotternd und nach Worten suchend. Doch jetzt haben wir gesehen, dass es auch anders geht. Jetzt wollen wir Apostel haben, die begabt sind, die mitreißend reden können, bei denen wir Macht und Stärke spüren.« Und ich kann die Korinther gut verstehen. Auch ich möchte zu einer Kirche gehören, in der sich was bewegt, in der große Dinge geschehen, zu der die Massen strömen. Und seien wir doch mal ehrlich – sind es nicht oft die Pfarrer und Gemeindeleiter, die den Visionen im Weg stehen? Warum gelingt es ihnen nicht, die Mitarbeiter zu motivieren? Wieso schaffen sie es nicht, alle Altersgruppen zu erreichen? Wo ist etwas zu spüren von Aufbruch und Begeisterung? Und dann schaut man in andere Gemeinden oder fährt zu Großveranstaltungen und denkt: »Ja, so müsste es sein, das wünsche ich mir auch für Sielmingen.«

Paulus stimmt den Korinthern zu. »Ja, ihr habt recht – euren Visionen steht etwas im Weg. Aber das bin nicht ich, das sind nicht meine Fehler und Schwächen. Sondern es ist das Evangelium von Jesus Christus.« Paulus spürt: Hier geht es nicht nur um Menschen und Meinungen. Sondern hier ist die Grundlage unseres Glaubens in Gefahr. Und deshalb wirft der Apostel alles in die Waagschale. Schonungslos offen stellt er sich der Diskussion über seine Person. Und wieder gibt er seinen Kritikern recht: »Ja, es ist wahr – man kann mit Gott großartige Erfahrungen machen. Ja, auch ich habe Offenbarungen erlebt, ich bin sogar bis in den Himmel hinauf gekommen.« Und auch heute erfahren Menschen die Kraft und die Größe Gottes. Auch heute erleben Christen, dass ihre Gebete erhört werden. Auch heute danken wir Gott für Wunder, die er tut. Und vielleicht müssen wir das neu lernen, Gottes Handeln in unserem Leben nicht für uns zu behalten, sondern fröhlich zu bezeugen. Aber – und hier warnt Paulus die Christen in Korinth – unser Glaube kommt in Schieflage, wenn wir nur die positiven Erfahrungen mit Gott darstellen. Wir sollen sein Handeln nicht klein reden und dürfen Großes von ihm erwarten – doch der Apostel weiß auch, dass nicht alle Bitten erfüllt werden. Und dann wird Paulus noch einmal ganz persönlich. Unerfüllte Bitten können wie ein »Stachel im Fleisch« sein; wie ein spitzer Dorn, den wir Tag und Nacht schmerzhaft spüren. Es bleibt unklar, was Paulus damit gemeint hat – vermutlich war es eine Krankheit, die ihn immer wieder schwach und hilflos werden ließ. Dreimal flehte er Gott inständig an, diesen »Stachel im Fleisch« wegzunehmen – aber seine Bitten wurden nicht erfüllt, Paulus hat keine Heilung erlebt. Und doch blieb sein Gebet nicht unerhört. Paulus bekommt eine unglaubliche Antwort: »Lass dir an meine Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Für den Apostel war klar: Diese Antwort führt mich zum Kreuz. Diese Antwort verstehe ich nur durch Jesus Christus. Ein Bild zur Jahreslosung hat ebenfalls diese Blickrichtung. Dorothee Krämer aus Esslingen hat ein Lichtkreuz gestaltet, das von vier Farbflächen eingerahmt wird. Wenn wir genau hinschauen, dann sehen wir den Kopf des Gekreuzigten und die Dornenkrone. Doch irgendwie irritiert mich dieses Bild. Passt das zusammen – der leidende Jesus und die fröhlichen Gelb-Orange-Töne? Passt das zusammen – das Folterwerkzeug Dornenkrone und die ermutigenden Worte der Jahreslosung?

Passt das zusammen? – das wurde auch Paulus immer wieder gefragt. Passt das zusammen, was du predigst – ein allmächtiger Gott und der ohnmächtige Tod seines Sohnes am Kreuz? Passt das zusammen, wie du lebst – deine vollmächtige Verkündigung und deine machtlose Schwäche? Eigentlich gibt es nur eine Antwort: Nein – das passt nicht zusammen. Nein – das widerspricht dem Bild, das wir von Gott und uns selbst haben. Nein – Macht und Ohnmacht, Stärke und Schwäche – das bringen wir nicht zusammen. Nein – diese Antwort macht vielen Menschen zu schaffen. Denn dieses Nein richtet sich gegen unser eigenes Leben. Nein zu Krankheit und Leid, Nein zu Schwäche und Versagen, Nein zu meinen Wünschen nach Stärke und Kraft. Nein – auch Paulus hat Gott angefleht, dieses Nein aus seinem Leben wegzunehmen. Doch dann lenkt Gott unseren Blick auf das Kreuz und wir sehen ein großes Ja. Ja – dieses Sterben ist der Höhepunkt von Ohnmacht und Schwäche. Ja – der Sohn Gottes geht diesen Weg bis zum Ende. Ja – so ist Jesus uns Menschen in den tiefsten Krisen und schwächsten Stunden nahe. Ja – Christus stirbt meinen Tod und schenkt mir sein Leben. Ja – er trägt meine Sünde und holt mich aus der Gottesferne in seine Gemeinschaft. Ja – Jesus nimmt meine Schwäche auf sich und macht mich stark durch seine Gnade. Auf dieses Ja gegen alles Nein setzt Paulus sein Vertrauen. Ja – »nichts und niemand kann uns von Gottes Liebe trennen«, so schreibt er an die Gemeinde in Rom. Und dieses Ja hören wir auch in der Jahreslosung – »Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Wir finden Gott also nicht nur in großartigen Erfahrungen, sondern auch in den Schwachheiten unseres Alltags. Als Christen leben wir von dem, was wir nicht sehen und doch glauben. Trotz begrenzten Kräften und manchem Versagen dürfen wir auf Gottes Gnade vertrauen. Im Blick auf das Bild von Dorothee Krämer hat Gottfried Heinzmann dazu ein Gedicht geschrieben:

an sonnengelben Glückstagen
wenn ich zuversichtlich lächelnd
in die welt blicke

an orangeroten übermutstagen
wenn ich mitleidig herabschaue
auf die schwachstellen anderer

an mausgrauen durchschnittstagen
wenn ich krampfhaft versuche
im vergleich zu bestehen

an dunkelblauen kummertagen
wenn ich verzweifelt ausschau halte
nach einem hoffnungsstrahl für meine seele

leuchtet
dein kreuz
jesus
offenbart
das geheimnis

in meiner schwachheit
wirkt deine kraft
in die abgründe meiner seele
strahlt deine liebe
mein leben wird in dir
vollendet

Ich habe die Predigt begonnen mit meinem Klassenkameraden Willi und seiner erstaunlichen Veränderung. Ich möchte schließen mit einer Geschichte, die noch kein Happy-End hat. Wir alle haben von Samuel Koch gehört, dem jungen Sportler, der vor 13 Monaten bei »Wetten, dass …?« schwer verunglückt ist. Mit Sprungfedern an den Füßen wollte er vier auf ihn zufahrende Autos überspringen. Er wagte diese Wette nicht, um berühmt zu werden, sondern um vor Millionen Fernsehzuschauern von seinem Glauben erzählen zu können. Seit dem Sturz ist der preisgekrönte Kunstturner querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Samuel Koch hat zusammen mit seiner Familie darauf vertraut und darum gebetet, dass er wieder gesund wird. Doch auch ein Jahr nach dem Unfall leidet er unter Schmerzen und kann sich von der Schulter abwärts nicht bewegen. Trotzdem sagte er im ZDF-Jahresrückblick »Menschen 2011«: »Mein Glaube gibt mir Kraft und Mut und Zuversicht«. Die Ärzte wissen nicht, ob Samuel Koch je wieder auf eigenen Füßen stehen kann. Aber er weiß, dass Jesus Versprechen auch für ihn gilt: »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig«. Amen.

geschrieben am 02.01.2012 um 13:00 Uhr.


[zur Übersicht]