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Gottesdienst am 15.01.2012

Das Kreuz und die Weisheit der Welt –
Predigt über 2. Korinther 2, 1-10


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Die Schlosskapelle in Tübingen weckt bei älteren Pfarrern besondere Erinnerungen. Früher musste jeder Theologiestudent dort seine Prüfungspredigt halten. Der Mesner der Schlosskapelle hatte viele solcher Prüfungen miterlebt. Die Studenten wussten, dass sein Kommentar so viel wert war wie die Note der Professoren. Die Bemerkung »Sie haben mich erbaut« bedeutete das höchste Lob. Zu einer mittelmäßigen Leistung meinte er: »Es ist ein schwieriger Text gewesen.« Und auf schlechte Predigten folgte die freundliche Ermutigung: »Sie haben schöne Lieder ausgesucht.« Bei meinen Konfirmanden geht das noch einfacher mit der Beurteilung. Wenn sie sagen: »Heute hat uns der Gottesdienst gefallen«, dann war die Predigt kurz und knapp.

Ja, wie ist das mit der Predigt? Was wollen Sie sonntags morgens von der Kanzel hören? Eine schöne biblische Geschichte mit ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude? Einen theologischen Vortrag mit vielen Fremdwörtern? Eine Portion Hilfe und Trost für alle Lebenslagen von A wie Achselschweiß bis Z wie Zipperlein?

Manche Pfarrer sagen: Früher war das Predigen einfacher. Da war die Gemeinde noch nicht so anspruchsvoll. Heute soll man die Jugend begeistern und die mittlere Generation ansprechen und natürlich auch die Alten nicht vergessen. Wer kann das schaffen? Im Fernsehen klappt es nur noch bei »Wetten, dass ...?« – doch Thomas Gottschalk hört jetzt auf ...

Der Bibeltext für diesen Sonntag zeigt, dass die Frage nach der Predigt so alt ist wie die Christenheit. Schon der Apostel Paulus musste sich für seine Predigten rechtfertigen. Die Gemeinde in Korinth war nicht mit ihm zufrieden. Es gab Gerede und Kritik. »Dieser Paulus reißt uns nicht vom Hocker. Da gibt es andere, die können das besser, die reden ohne Stottern und Steckenbleiben. Wenn Paulus wirklich Gottes Wort verkündigt – müsste er da nicht überzeugender auftreten?« Das waren harte Fragen. Paulus spürte: Hier geht es um mehr als schöne Worte. Hier steht die Glaubwürdigkeit meiner Botschaft auf dem Spiel. Wir hören die Antwort des Apostels aus dem 2. Korintherbrief:

Liebe Brüder und Schwester, als ich zu euch kam, um euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen, da kam ich nicht mit hohen Worten und tiefsinniger Weisheit. Sondern ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Ich möchte zwei Überschriften aus dem Text herausgreifen:
1. Jesus Christus, der Gekreuzigte
2. Die Weisheit dieser Welt und die Weisheit Gottes

1. Jesus Christus, der Gekreuzigte
Paulus flüchtet sich nicht in Ausreden. Der Apostel gibt ehrlich zu: »Ja, es ist wahr. Ich bin kein begabter Redner, manchmal fange ich an zu stottern. Aber ich weiß, was zählt. Ich weiß, um was es geht. Jesus Christus, der Gekreuzigte. Alles andere ist nur Verpackung, schöner Schein, leer und hohl und wertlos.«

Jesus Christus, der Gekreuzigte. Einige in Korinth haben die Augen verdreht, als sie das hörten. »Kann denn Paulus über nichts anderes predigen? Immer nur das Kreuz, immer dieses schreckliche Leiden und Sterben, immer das Gerede von Sünde und Schuld. Das kennen wir schon zur Genüge. Bei anderen Predigern staunen wir über Weisheit und wohlgesetzte Worte, wir werden mitgerissen und sind begeistert. So stellen wir uns das Christsein vor!«

Jesus Christus, der Gekreuzigte. Die Korinther haben recht: Mit dieser Botschaft ist kein Staat zu machen. Wer so etwas predigt, widerspricht dem normalen Denken. Uns fällt das vielleicht gar nicht mehr auf. Nach 2000 Jahren Christentum haben wir uns an den Gekreuzigten gewöhnt. Er hängt in jeder Kirche, in Bayern sieht man ihn als Kruzifix am Wegrand, und manche Konfirmandin trägt ein Kreuz als Schmuckstück um den Hals. Doch damals war ein Gekreuzigter schrecklicher Alltag. Im römischen Weltreich sind Jahr für Jahr Tausende am Kreuz hingerichtet worden. Eine Kreuzigung gehört zum Grausamsten, was Menschen einander antun können. Wer die Qualen eines Gekreuzigten ansehen musste, war zu Tode erschrocken.

Jesus Christus, der Gekreuzigte. Kann Paulus seinen Zuhörern dieses Schreckensbild nicht ersparen? Es würde doch genügen, wenn er vom Leben Jesu erzählt. Sein Eintreten für Arme und Verachtete, sein Mitleid mit Kranken, sein Herz für Kinder. Jesus war ein Vorbild an Nächstenliebe und Menschlichkeit. Sich in seinem Namen einsetzen für das Gute – das gäbe doch eine gelungene Predigt, da wären die Korinther bestimmt zufrieden.

Doch Paulus weiß: Das reicht nicht. Es genügt nicht, dass wir Menschen uns anstrengen und guten Willen zeigen. Wir müssen nicht nur ein bisschen besser werden. Sondern an dem gekreuzigten Jesus Christus sehen wir: Es geht um Leben und Tod! So weit muss Gottes Liebe gehen, um die Menschheit zu retten. Das Kreuz steht da als Ausrufezeichen für Sünde und Schuld. Und Sünde ist mehr als der moralische Zeigefinger, Sünde ist mehr als nur die Summe unserer großen und kleinen Fehler. Sünde heißt: Wir Menschen sind von Gott getrennt. Wir können nicht anders als schuldig werden. Das bedeutet nicht, dass alle nur Böses tun und unfähig zum Guten sind. Aber selbst mit unseren besten Möglichkeiten gelingt es uns nicht, Gott näher zu kommen. Doch nun erträgt Gott das menschliche Nein am eigenen Leib. Jesus lässt sich ans Kreuz schlagen, damit wir nicht auf unsere Schuld festgenagelt bleiben. Im Tod des Schuldlosen werden die Schuldigen von ihrer Sünde befreit. In Jesus geht Gott selbst in den Tod und schenkt dadurch uns Menschen das Leben. Das Kreuz von Golgatha wird zum Wendepunkt der Weltgeschichte.

Jetzt verstehen wir, was Paulus nach Korinth schreibt. »Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.« Diese Botschaft darf der Apostel niemand schuldig bleiben. Das muss er weitersagen, damit wir Menschen uns nicht in falschen Sicherheiten wiegen. Das muss er verkündigen, damit wir neue Hoffnung schöpfen. Keiner muss an seinem Leben verzweifeln, niemand braucht in der Gottesferne zu bleiben. Wer an den Gekreuzigten glaubt, hat Gemeinschaft mit Gott. Manchen mag das zu einfach gestrickt sein. Unser menschlicher Verstand kann von sich aus nicht nachvollziehen, dass Gott so gehandelt hat. Paulus betont: »Das ist nicht die Weisheit dieser Welt, sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die in einem Geheimnis verborgen ist.« Damit kommen wir zur zweiten Überschrift:

2. Die Weisheit dieser Welt und die Weisheit Gottes
In vielen Kirchen gibt es bunte Glasfenster. Wenn man draußen steht und auf das Fenster schaut, sind nur graue Flächen zu sehen. Doch wer in die Kirche eintritt, für den beginnen die Farben zu leuchten. Durch das Licht fügen sich die einzelnen Teile zu einem Bild zusammen.

Solche Glasfenster können zum Sinnbild werden für das, was Paulus deutlich machen will. Für die Weisheit dieser Welt ist die Botschaft vom Gekreuzigten sinnlos. Der gesunde Menschenverstand sagt: »Jesus ist gescheitert. Er gab sein Leben für eine gute Sache, aber am Ende hat er verloren.« Doch im Licht von Ostern sehen wir ein anderes Bild. Die Auferstehung zeigt: Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern Gott. Kein Leid und kein Schmerz können mehr so groß sein, als dass Jesus sie nicht mittragen könnte. Jetzt begreifen wir, was am Kreuz für uns geschehen ist. Was kein Auge gesehen hat – ein Gott, der sich aus Liebe kreuzigen lässt. Was kein Ohr gehört hat – das Wort von der Vergebung der Schuld. Was in keines Menschen Herz gekommen ist – eine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist – das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.

Die Weisheit dieser Welt und die Weisheit Gottes. Napoleon, der große Kaiser der Franzosen, wollte die Welt erobern. Ein Ingenieur schlug ihm vor, Kriegsschiffe mit Dampfmaschinen auszurüsten. Dies könne der französischen Flotte zum Sieg verhelfen. Napoleon schaute zum Fenster hinaus und sah, wie draußen jemand eine Zigarre rauchte. Spöttisch fragte er: »So ein bisschen Dampf soll ein Kriegsschiff antreiben?« Damit war der Vorschlag für ihn erledigt. Sein Eigensinn hinderte ihn daran, die unsichtbare Kraft des Wasserdampfes zu erkennen. Zwanzig Jahre später wurde Napoleon mit einem englischen Dampfschiff in die Gefangenschaft auf die Insel St. Helena gebracht.

Diese Geschichte ist mir zum Beispiel geworden. Die Weisheit dieser Welt fragt: »Welche Kraft kann vom Leiden und Sterben eines Gekreuzigten ausgehen?« Und die Antwort wird gleich mitgeliefert: Keine. Doch wie damals bei Napoleon wird das Entscheidende übersehen. Die Weisheit Gottes sagt: In Christus liegen alle Kräfte des Lebens und die Hoffnung für die Welt verborgen. Das lässt sich nicht beweisen, aber das kann man erfahren. Wer auf Jesus Christus vertraut, wer sich aus der Gottesferne auf den Weg macht – den lässt Gott nicht im Dunkeln bleiben, sondern führt ihn ins Licht. Vorhin in der Schriftlesung haben wir gehört, wie Jesus einem Blinden die Augen geöffnet hat. Ganz ähnlich ist es, wenn ein Mensch zum Glauben kommt. Dann bekommen wir Einblick in die Weisheit Gottes, dann wird uns Jesus Christus, der Gekreuzigte zur Kraftquelle. Das ist die Botschaft, die Paulus in Korinth verkündigt hat. Das ist das Vertrauen, das Freude und Kraft für den Alltag schenkt. Das ist der Glaube, zu dem Gott auch uns einlädt. Amen.

geschrieben von Tobias Geiger am 15.01.2012 um 16:00 Uhr.


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